Das im April 2000 in Köln von Tom Holert und Mark Terkessidis gegründete Institute for Studies in Visual Culture versteht sich als Research-Plattform im para-akademischen Raum: Von dieser Plattform aus werden Studien und Ereignisse initiiert und durchgeführt, die zwischen kultureller Praxis und deren theoretischer Reflexion vermitteln.
ISVC dokumentiert Entwicklungen in der visuellen Kultur der Gegenwart und jüngeren Geschichte, mit dem Ziel, das kritische Verständnis von visuellen Prozessen in national-globalisierten Mediengesellschaften zu fördern. Das Spektrum der Untersuchungsgegenstände wird dabei durch die im ISVC erarbeiteten Fragestellungen bestimmt.
Nicht die Faszination für die Phänomene einer vermeintlich zunehmend bildbestimmten Kommunikation und auch nicht die apokalyptische Anthropologie der Bilderfluten sind der Ausgangspunkt der Aktivitäten des ISVC, sondern das Interesse an der Struktur und Dynamik einer Visualität, die in die unterschiedlichen gesellschaftlichen Felder hineinreicht und dort an Prozessen der kulturellen Hegemoniebildung ebenso beteiligt ist wie an der Artikulation abweichender, minoritärer Positionen.
Ein Leitbegriff der Institutsarbeit lautet deshalb Sichtbarkeit. Politisch, kulturell, ökonomisch produzierte (oder unterdrückte) Sichtbarkeit hängt nicht in jedem Fall von visuellen Bildern ab. Die Frage nach der Bildfähigkeit gesellschaftlicher Prozesse und Identitäten kann nicht im ausschließlichen Rekurs auf optische Bilder beantwortet werden. So verunsichern etwa die komplizierten Subjektivitäten in den dritten Räumen der postkolonialen Kultur den Status von sichtbaren Objekten der Differenz nachhaltig. Visuelle Kultur als kritscher Forschungsgegenstand umfasst deshalb ganz wesentlich alle Abstufungen der Sichtbarkeit - bis zu ihrem Gegenteil, der politisch interessierten, kulturell produzierten strukturellen Unsichtbarkeit. Daran schließt sich eine Frage an, die ebenfalls im Zentrum der Aktivität des ISVC steht: In welchem Verhältnis stehen Visualität, Subjektivität und Gesellschaft zueinander? Holert und Terkessidis haben diese Frage nach den Bedingungen und
Formen der Subjektivität im Neoliberalismus seit 1996 in drei gemeinsam herausgegebenen bzw. geschriebenen Büchern entwickelt (siehe Gesichte des ISVC).
Die angesprochenen Themen sind nicht jenseits der Fragen nach historischer, sozialer und politischer Repräsentation zu verstehen: Wer ist wie im öffentlichen Bild vertreten? In welcher Beziehung stehen Visualität und Repräsentation zueinander? In der Interaktion von gesellschaftlicher Wissensproduktion, Subjektivierungsprozessen und Repräsentationspolitik entstehen Visualitäten und Visibilitäten (Michel Foucault), die für emanzipative Projekte ebenso entscheidend sind wie für Techniken des Regierens. Eine Untersuchung der dialektischen Bild-Operationen im Kontext bestimmter Machttypen führt zu Fragen nach der Architektur von Bild-Ensembles und damit nach der politischen Grammatik der Bilder.
So begleitet die Arbeit des Instituts nicht zuletzt aktuelle Politiken der Repräsentation. Untersucht werden sowohl die Herstellung und Festigung von Hegemonie durch dominante politische und gesellschaftliche Gruppen als auch die Pragmatik der Gegen-Hegemonien durch dominierte Gruppen. Die Begriffe von Repräsentation und Bild sollen dabei so genau wie möglich kontextualisiert und einer kritischen Analyse unterzogen werden.
Der Raum des Sichtbaren und Sagbaren hängt nicht allein vom Zugriff auf eine bestimmte Technologie ab, sondern noch viel mehr von den politisch-ökonomischen Mechanismen der Zulassung zu bestimmten Feldern des Diskurses. Hier werden z.B. Kategorien wie Nation, Kultur, Identität usw. virulent, deren regulierender Einsatz etwa den politischen Handlungsraum von MigrantInnen kontrolliert - durch Öffnung und Schließung von Öffentlichkeiten (und damit Sichtbarkeiten).
Das ISVC versteht sich demgemäß weniger als eine weitere Instanz bei der Entwicklung einer neuen Bildwissenschaft oder Bildmedienwissenschaft, welche bestehende Bild-Disziplinen wie Kunstgeschichte, Mediengeschichte, Filmtheorie usw. ergänzen oder sogar ablösen sollen. Eine Analyse visueller Kultur, wie sie im ISVC-Rahmen betrieben wird, soll die Logik (und die Ideologie) visueller Prozesse erkunden. In einer kommerziellen Kultur ist das Wesen des Bildes weniger interessant als ein Wissen um die Ökonomie der Zugänge zu Bildern. Und eine Politik der Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit hält methodisch an der Überzeugung fest, dass die Kontrolle über die Bilder und ihre Beschreibung nicht unerreichbar ist. Der ominösen Wirkmächtigkeit einer Bilderkultur wird so die empirische Untersuchung der Mechanismen ihrer Fiktionalisierungen entgegengehalten. An die Stelle diverser Mythen vom Visuellen tritt die Beobachtung gesellschaftlicher Interaktionen, an denen Bilder partizipieren.
Das ISVC wurde im Jahr 2000 von Tom Holert und Mark Terkessidis als virtuelle Plattform für Forschungen und Interventionen im Feld der visuellen Kultur der Gegenwart gegründet. Für die Gründung des Institutes gab es mehrere Gründe. Zum einen wollten Holert und Terkessidis die mit dem Sammelband Mainstream der Minderheiten. Pop in der Kontrollgesellschaft (1996) begonnene Kooperation, die von Beginn an auch mit methodischen Überlegungen einherging (siehe Mission Statement), auf Dauer stellen. Zum zweiten erschien in die Situation an den deutschen Universitäten in vielfacher Hinsicht frustrierend – gerade in den Geisterwissenschaften verhindern die hierarchische und kaum interdisziplinäre Organisationsstruktur sowie die sehr konservative methodische Ausrichtung eine Öffnung gegenüber neuen, gesellschaftlich relevanten Themenstellungen. Zum dritten brachte eine Reise ins ehemalige Jugoslawien in den späten 1990er Jahren eine erstaunliche Inspiration. Die Krise der
geisteswissenschaftlichen Institutionen war etwa in Belgrad selbstverständlich deutlich virulenter als in Deutschland, und doch gelang dort in jenen Tagen eine zivilgesellschaftliche Reorganisation kulturwissenschaftlicher Arbeit außerhalb der staatlichen Universitäten und Akademien auf sehr hohem Niveau.
Im Jahr 2000 erschien der von Holert herausgegebene Band Imagineering. Visuelle Kultur und Politik der Sichtbarkeit, in dem unter anderem zusammen mit einigen AutorInnen aus Belgrad ein erster Rahmen für die Forschung entwickelt wurde. Die erwähnte Reise ins ehemalige Jugoslawien war gleichzeitig der Startschuss für das erste Projekt des Institutes. Der Krieg der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien im Jahre 1999 galt – das wurde damals notorisch wiederholt – auch als Krieg der Bilder. Die Beziehung zwischen Krieg und Bildern bzw. zwischen Massenkultur und Krieg sollte das Forschungsthema der folgenden zwei Jahre werden. Dabei schien eben die reine Medienanalyse nicht mehr auszureichen, um die Bilder vom Krieg abstrakt analysieren zu können. Wenn diese Analyse nicht vollständig immanent bleiben sollte, dann musste der Forscher sich auch selbst ein Bild vom Schauplatz der Bilder machen. Dabei ging es nicht darum, die Realität hinter dem Bild festzustellen, sondern die Funktionsweise von
Bildern im Austausch zwischen unterschiedlichen Orten zu untersuchen. Die Akteure im Krisengebiet setzten die Bilder sehr bewusst ein, um die Meinung im Westen beeinflussen sie waren sich über die Kreisläufe im globalen Dorf sehr viel deutlicher im Klaren als die vermeintlich objektiven Berichterstatter im Westen. Aber auch ein Forscherteam aus dem Westen ist vor Ort nicht außenstehend. Dessen bewusst, hat das Institut sich von Beginn an um Vernetzung mit demokratischen NGOs im Feld bemüht – im konkreten Fall etwa mit der School for the History and Theory of Images in Belgrad. Die Ergebnisse der Forschungen erschienen 2002 in dem Band Entsichert. Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert.
Bevor das nächste Forschungsprojekt begann unterstützte das Institut die Realisierung des Films Recolonize Cologne. Dieser Film war eine Arbeit der Gruppe kanak tv. Es handelte sich dabei um eine Art militante Untersuchung ins Feld des herrschenden Bildes vom deutschen Kolonialismus in der Bundesrepublik Deutschland. Der Film befasste sich mit den Verbindungslinien des historischen Kolonialismus zum heutigen Migrationsregime und basierte auf einem Happening in der Kölner Innenstadt. Die Arbeit am Film warf auch die Frage auf, wie eine Kritik der Bilder im Medium Bild selbst formuliert werden kann und erweiterte damit die methodischen Optionen bei der Bearbeitung der Themenstellung des Institutes (siehe www.kanak-tv.de).
Ab 2003 befasste sich das Institut schließlich mit dem Zusammenhang zwischen Migration und Tourismus. Sowohl der Sammelband Mainstream der Minderheiten als auch Entsichert hatten sich auch mit der Repräsentation der neoliberalen Subjektivität beschäftigt, und diese Arbeit sollte nun fortgesetzt werden - mit dem Schwerpunkt auf Mobilität. Das Projekt wurde unter dem Titel Orte und Objekte der Migration: das Hotel, der Container, das Zelt im Rahmen des Projektes Migration, ein Initiativprojekt der Bundeskulturstiftung, über zwei Jahre gefördert und mündete in der Veröffentlichung des Bandes Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung – von Migranten und Touristen (siehe Einleitung des Buches im Bereich Fliehkraft).